Das künftige Riesenrad in Berlin soll nur 175 Meter hoch werdenDer Bau des Riesenrads am Zoo könnte sich verzögern oder schlimmstenfalls sogar platzen. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa führen Bauherr und Senat zurzeit einen Streit um die Empfangshalle und die Höhe der Freizeiteinrichtung. Sicher scheint zu sein, dass es zehn Meter niedriger werde als bislang geplant.
Planung und Bau des Berliner Riesenrads drohen ins Rutschen zu geraten. Ein Konflikt zwischen dem Bauherrn Great Wheel GmbH und dem Senat um die repräsentative Empfangshalle und regelrecht explodierende Stahlpreise könnten nach dpa-Informationen zu erheblichen Verzögerungen und im Ernstfall sogar zum Stopp des 120-Millionen-Euro-Projekts am Zoologischen Garten führen. Geschäftsführer Michael Waiser bestätigte, dass die neue Touristen- Attraktion der Hauptstadt von geplanten 185 m Höhe auf 175 m abgespeckt werden müsse. Der Baubeginn Mitte November ist wegen Differenzen um die Baugenehmigung sogar grundsätzlich gefährdet.
Die schier unendliche Geschichte von Planungsproblemen setzt sich damit auch wenige Wochen vor dem angestrebten Abriss des alten Zoo- Wirtschaftshofes fort, auf dessen Gelände sich Europas größtes Riesenrad einst in luftige Höhen erheben soll. Eigentlich sollte der Baubeginn schon vor mehr als einem Jahr sein. Aber die Verhandlungen um den inzwischen fast fertigen Neubau des Zoo- Wirtschaftshofes hatten sich hingezogen. Statt der ersten Umdrehungen im Herbst 2008 soll nun von Mitte November an die Baugrube entstehen. Doch auch diese Planung steht auf unsicherem Grund.
Von den ursprünglich vorgesehenen 6500 Tonnen Stahl musste die Great Wheel GmbH rund 2000 Tonnen „eindampfen“. Und auch die für zunächst 25 Millionen Euro geplante spektakuläre Eingangshalle in Form eines wellenförmig angelegten riesigen Schiffsbugs hätte nach heutigen Preisen fast 50 Millionen Euro gekostet. Das Unternehmen sah sich gezwungen, die Notbremse zu ziehen und eine auch architektonisch und optisch stark reduzierte Sparversion zu entwerfen. Dafür ist aber nach Auffassung der Senatsbauverwaltung und auch des Bezirksamts Mitte eine neue Baugenehmigung erforderlich.
Die „Berliner Zeitung“ berichtete, dass sich Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher am Dienstag in einer Sitzung des neuen Baukollegiums intensiv mit dem Projekt und seinen Problemen beschäftigt hätte. Das von ihr installierte Baukollegium ist mit prominenten Architekten besetzt. Nach Ansicht von Lüscher verliert das abgespeckte Empfangsgebäude den Charakter eines solitären Bauwerks. Die Experten konnten sich über die „richtige“ Form laut „Berliner Zeitung“ zunächst nicht einigen.
Die nun von Unternehmer- und Investorenseite befürchtete bürokratische Kettenreaktion könnte das Projekt zum Stillstand bringen, bevor sich das Riesenrad auch nur ein einziges Mal gedreht hat. Nach dpa-Informationen würden die internationalen Investoren und auch nationale Kapitalgeber kaum noch einmal die Geduld für weitere Verzögerungen zwischen sechs bis zwölf Monaten aufzubringen. Für den Bauherren wiederum wäre es ein erhebliches Risiko, mit dem Abriss des alten Wirtschaftshofes und dem Ausheben der Baugrube zu beginnen, solange die neue Baugenehmigung nicht sicher vorliegt.
Schon die Vorgeschichte des Riesenrads in der West-City war nicht einfach. Viele Monate gab es einen zum Teil öffentlich geführten heftigen Konkurrenzkampf mit der Anschutz-Gruppe, den Erbauern der neuen O2 World-Mehrzweckarena, die am Ostbahnhof ein Riesenrad errichten wollten. Dann warnten Tierschützer vor Gefahren für den Vogelflug durch die sich drehenden Gondeln und befürchteten Probleme für die Zoo-Tiere einschließlich des Zeugungsverhaltens der direkt benachbarten Nashörner.
Sollten die neuen bürokratischen Hürden genommen werden, ist die Eröffnung nach einem Jahr Bauzeit nun im Spätherbst 2009 geplant. In den 36 Gondeln für je bis zu 40 Passagieren werden jährlich etwa zwei Millionen Besucher erwartet. Ein „Flug“ soll 35 Minuten dauern und elf Euro kosten. In Europa wäre das Berlin-Rad trotz der auf 175 m reduzierten Höhe das Größte, das London-Eye erreicht 135 m. In Dubai entsteht ein Rad mit 185 m, Peking ist die Nr. 1 mit 208 m.
Das Riesenrad soll auf dem Gelände des alten Wirtschaftshofs an der Hertzallee gebaut werden. Investitionsvolumen: 120 Millionen Euro, die über einen Fonds finanziert werden. Michael Waiser, Geschäftsführer der Great Wheel Berlin GmbH & Co. KG, die diese neue Touristenattraktion am Zoo baut, will nach der Räumung des alten Wirtschaftshofs gleich mit den Arbeiten beginnen.
Mitte September hatte Waiser der Berliner Morgenpost noch gesagt, dass Gerüchte, nach denen das Projekt wegen der gestiegenen Stahlpreise gefährdet sein soll, jeder Grundlage entbehrten: "Es gibt immer Lösungen. Wir arbeiten daran, das Rad konstruktiv zu optimieren und weniger von dem teuren Rohstoff einzusetzen. Die Ingenieurskunst ist dazu heute sehr gut in der Lage – ohne dass es technische Einbußen gibt."
Das Bauamt Charlottenburg-Wilmersdorf arbeitet zudem an Plänen, den unweit des Aussichtsrades befindlichen Hardenbergplatz mit einer privat finanzierten Tiefgarage auszustatten.
Der Platz könnte dann ohne parkende Autos neu gestaltet werden. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hatte den Riesenrad-Investoren ein eigenes Parkhaus nicht zugebilligt. Die jährlich rund zwei Millionen erwarteten Gäste sollen mit Bussen und Bahnen anreisen. Charlottenburg-Wilmersdorf plant aber auch wegen der Sanierung des Zoobogens an der Budapester Straße die zusätzlichen Parkmöglichkeiten.
"Dort werden mit der Sanierung – 2009 soll begonnen werden – bis zu 170 Parkplätze wegfallen", sagte Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU). Sein Ziel ist es, dass die europaweite Ausschreibung für die Tiefgarage mit mindestens 300 Plätzen im Januar rausgeht, damit Ende 2009 mit den Bauarbeiten begonnen werden kann.
Berliner Morgenpost, [02.10.2008]