Vor-Ort-Gespräch mit Ahmet Tecimen
Gerlinde Jänicke vom Berliner Rundfunk 91!4, der italienische Sänger Albano, Judith aus der Fernseh-Soap GZSZ, einige Models und sogar Bundesminister a. D., Norbert Blüm - sie alle nahmen schon einmal Platz auf dem großen Stuhl, der eher einem Thron gleicht, mit der kleinen Treppe zum Hinaufsteigen und den vielen kleinen Luken und Laden. - Sie alle waren Gast und Kunde bei Ahmet Tecimen.
Ahmet kommt ursprünglich aus der Türkei. In Kaiseri ist
er geboren, aufgewachsen in Istanbul. Mit 26 Jahren verließ er seine alte Heimat um in Deutschland eine neue zu finden. Die fand er im niedersächsischem Bad Oyen-hausen, wo er eine Familie gründete, aus der zwei Söhne hervorgingen. In den 60ern arbeitete er noch in einer Schuhfabrik, danach als Polsterer. "Gelernt habe ich aber Schuhmacher". Berliner ist Ahmet Tecimen seit 1968.
Der letzte Schuhputzer
Von täglich 9.00 Uhr bis 17.00 Uhr bietet Ahmet seine Dienste an. Ahmet Tecimen ist Schuhputzer im Europa-Center.
Den gemieteten Platz im Erdgeschoss übernahm er 1992 von seinem Vorgänger. Konkurrenz kennt Ahmet nicht, er ist wohl der letzte verbliebende Schuhputzer von Berlin.
In Steglitz habe es noch einen gegeben, aber der ist jetzt auch weg.
Ob er wisse, dass er in Berlin was besonderes ist? "O ja, in der Bundesrepublik bin ich berühmt und im Fernsehen war ich auch schon - bei 'Vera' von Sat 1 und bei 'Jürgen Fliege'". Auch bei 'Was bin ich?' ist er schon aufgetreten.
Ab 5 Euro dabei
Ein Kunde kommt und nimmt auf dem hohen Stuhl Platz. Flink und professionell poliert, pinselt, bürstet, wienert und cremt er über die Schuhe bis, sie nach kurzer Zeit blitz-sauber sind. "Ein Architekt", erzählt Ahmet, "der kommt öfters".
Zu seinen Kunden pflegt er ein gutes Verhältnis. Er bietet auch gerne mal einen Kaffee an. "Das gehört zum Kundenservice". Die meisten Kunden von Ahmet sind Stammkunden. Laufkundschaft kommt seltener. Und Touristen fast gar nicht. "Die fotografieren lieber". Das kostet eigentlich Geld, meint er.
Dass Ahmet gerne hier arbeitet merkt man wenn er eine Weile erzählt. Er ist ein freundlicher und geselliger Mensch. "Ich bin gerne unter Leuten und hier im Europa-Center kommt immer jemand vorbei mit dem ich ein Schwätzchen halten kann. Zuhause rumsitzen geht nicht". Er braucht die Arbeit, nicht nur um seinen schmale Rente aufzubessern - er macht sie gut und gerne. "Die Kundschaft ist immer zufrieden", erzählt er stolz.
Dennoch läuft das Geschäft schlecht. Die Leute haben einfach nicht mehr genug Geld, vermutet er. "Zu viele Arbeitslose". Und auch die Währungsumstellung schadete eher seinem Geschäft. Im Winter aber läuft das Geschäft besser. "Im Sommer laufen doch alle barfuß rum" und zeigt auf ein vorbeilaufendes paar Füße.
Farben und Düfte
180 Sorten an Cremes hat Ahmet Tecimen in seinem Sortiment. Für jeden noch so ausgefallenen Schuh hat er die passende Pflege. "Hab ich nicht, gibts nicht!" sagt er.
Seine Materialien beschafft er sich aus der Türkei. Einmal im Jahr fährt er in seine alte Heimat, um sich neu einzudecken.
Und sein Kundenstuhl, mannshoch und massiv? Habe er bei amerikanischen Schuhputzern gesehen und war sofort begeistert. Für 3500,- DM ließ er sich von einem Tischler auch so einen bauen. Auf ihm sitzt nicht nur der Kunde bequem, er ist auch praktisch, denn in den vielen Schub-laden finden alle seine Utensilien Platz.
Auch seine Schuhputzkiste, aus Messing mit vielen Ornamenten, fällt einem ins Auge. "Osmanisches Erbe", erzählt er nicht ohne Stolz.
Ob er sich vorstellen könne, was anderes zu machen? Herr Tecimen überlegt kurz. Eigentlich nicht, meint er, er würde es genau so wieder tun. "Nee, gleiche Arbeit. Ich bin zufrieden".
Oliver Zimmer